Myokine: die geheime Sprache Deiner Muskeln. Warum jede Treppenstufe eine Nachricht an deine Gene ist
Lass uns mal kurz in das faszinierende Feld der Epigenetik eintauchen.
Wir begeben uns also in ein Forschungsgebiet, das unser Verständnis von Gesundheit und Krankheit, im Sinne einer individualisierten Medizin (auf der Basis der persönlichen Anlagen) in den letzten vielen Jahren durchaus grundlegend verändert hat.
EpiGenetik, was heißt das überhaupt? Und viel mehr noch, was bedeutet das ganz konkret für jeden einzelnen? Lässt sich dieses Wissen in Deinem Alltag nutzen?
Die Grundlage bildet zunächst unsere Genetik. Also die Gene, die uns von unseren Eltern mitgegeben worden sind. Lange ging man davon aus, dass diese Gene unabdingbar und bestimmend wirken. Heute wissen wir jedoch: ganz so einfach ist es nicht.
Und genau hier kommt dann die sogenannte Epi-Genetik ins Spiel. Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, warum Gene bei verschiedenen Menschen unterschiedlich aktiv sind, selbst wenn die genetische Ausstattung gleich oder nahezu identisch ist. Ein offensichtliches Beispiel liefert hier die Zwillingsforschung: Warum entwickelt der eine von zwei eineiigen Zwillingen eine Erkrankung, während der andere gesund bleibt?
Die Antwort liegt also nicht zwingend in den Genen selbst, sondern darin, welche Gene an- oder ausgeschaltet werden. Sprich, welche Gene gerade in Benutzung sind und welche stummgestellt wurden. Und dies ist durchaus durch uns beeinflussbar, zum Beispiel durch Ernährung, verschiedene Pflanzen- und Mikronährstoffe, Bewegung und Sport oder Schlaf. Also kurzum, schon auch durch unseren Lebensstil. Und das nennen wir dann Epigenetik.
Wenn Du mich fragst, dann würde ich schon sagen, dass Genetik selbsterklärend maßgeblich entscheidend ist! So spannend und chancenreich das Feld der Epigenetik zur Darstellung kommt (und meines Erachtens auch ist), so wichtig ist eine gute Einordnung in den Gesamtkontext. Man denke zum Beispiel an Augen- und Haarfarbe, welche auch durch “Epigenetik” nicht beeinflussbar ist.
Und doch gibt es hier einen spannenden Mehrwert und vor allem auch erhellende Zusammenhänge!
Was bedeutet “Epigenetik” dann konkret in Bezug auf Gesundheit? Und wie wird sie nutzbar?
Wenn wir darüber sprechen, was grundlegend als „gesund“ gilt, dann kommen wir ja immer wieder (auch in der Forschung) genau zu solchen Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Schlaf, der Umgang mit Stress, Umweltfaktoren, auch Umweltgifte und sogar zu unseren sozialen Beziehungen.
Doch woran liegt es eigentlich, dass dies in Studien so massiv und auch konstant vertreten ist?
Und hier schließt sich der Kreis in der Wissenschaft: sie alle können mit beeinflussen, wie unsere Gene zum Tragen kommen.
Dieses Bild macht das vielleicht greifbarer: Stell dir die DNA wie ein riesiges Klavier vor, mit unzähligen Tasten, unveränderbar steht es so da. Doch für eine Melodie werden ja nie alle Tasten und schon gar nicht gleichzeitig benutzt. Genau diese epigenetischen Prozesse (beeinflusst durch die genannten Faktoren) entscheiden nun also tatsächlich mit, welche Tasten gespielt werden und wie die Melodie schließlich klingt.
Der Körper schließt aus verschiedensten Signalen und Anforderungen quasi: Wie muss die Melodie in nächster Zeit klingen? Und welche Tasten brauche ich dafür (vermehrt)?
Was Du daraus aber auch schließen darfst, ist etwas sehr positives!
Erstens, es ist beeinflussbar. Zweitens, es ist somit auch änderbar.
Je nach Thema, Erkrankung und Symptom zeigt die Forschung durchaus ganz deutlich, dass die begonnene Melodie auch ganz anders weitergespielt werden kann. Und das bleibt ja nicht allein in der Forschung, denn das sind letztlich dann Lebensgeschichten und Erfahrungsberichte.
Wie darfst Du Dir vorstellen, wie das biologisch geschieht? Also, mal ganz grob gesagt, wie findet die Übersetzung aus Lebensstilfaktoren in Gesundheit (biologisch) statt?
Um nicht zu tief in die Gefilde der Biologie abzutauchen, würde ich das gerne anhand eines Beispiels darstellen.
Wie der Körper diese Botschaften bekommt: ein Beispiel sind die sogenannten Myokine.
Wie funktioniert das also? Und wie wird diese Information im Körper übermittelt?
Dafür möchte ich Dir eine besondere Gruppe von Botenstoffen vorstellen: die Myokine. Man kann sie als “die Sprache Deiner Muskeln” bezeichnen. Wie gesagt, sie sind Botenstoffe und sie werden immer dann ausgeschüttet, wenn Deine Muskeln arbeiten.
Sobald sich also Dein Muskel bewegt, beginnt ein regelrechtes “molekulares Gespräch” im Körper. Die Muskelfasern schütten Myokine (z.B. Interleukin-6 oder Irisin) aus, diese gelangen über den Blutkreislauf unter anderem zum Gehirn, zum Immunsystem, zur Leber und zum Fettgewebe. Dort angekommen lösen sie dann Signale aus, die bis in die Zellen und den Zellkern reichen und über verschiedene biochemische Mechanismen tatsächlich beeinflussen, welche Gene aktiv werden und welche auch nicht.
Und gerade wenn wir das nun bewußt regelmäßig auslösen, erfolgt hier eine Botschaft, welche sich ganz vereinfacht etwa so übersetzen ließe: „Pass auf, das kommt jetzt wohl regelmäßig auf uns zu – wir sollten uns darauf einstellen.“Das kann dann zum Beispiel bedeuten, dass der Körper an dieser Stelle investiert, möglichst viele Stoffwechselwege aktiv und flexibel nutzen zu können, weil er “erwartet” immer mal sehr prompt eine hohe Menge an Energie bereitstellen zu müssen. Ein bedeutender Punkt für unsere Stoffwechselgesundheit.
Gerade wenn sich dieses Signal wiederholt, entscheidet der Körper also, dass sich eine grundlegende Anpassung tatsächlich lohnt. Er aktiviert Gene, die für Energiegewinnung, Muskelaufbau, Reparatur- und Regenerationsprozesse, eine verbesserte Insulinsensitivität und eben eine höhere Stoffwechselflexibilität benötigt werden. Während andere Gene stattdessen dann weniger aktiv sein werden.
Genau hier zeigt sich die Verbindung zur Epigenetik: Wiederkehrende Reize, wie zum Beispiel regelmäßige Bewegung, können dazu beitragen, dass diese veränderten Aktivitätsmuster der Gene langfristig erhalten bleiben. Der Körper “lernt” gewissermaßen aus dem, was wir regelmäßig tun bzw. wo wir regelmäßig für entsprechende Signale oder Reize sorgen.
Und das Gute ist: all das nicht nur bei Höchstleistung.
Das Faszinierende daran ist auch, dass der Körper nicht erst bei sportlichen Extremleistungen reagiert (um jetzt in dem Beispiel zu bleiben). Ein Spaziergang, die Treppe statt den Aufzug, ein kurzes Krafttraining zwischendurch – all das sendet bereits diese Signale aus. Und klar, je häufiger und intensiver die Muskeln aktiv sind, desto klarer wird die “Sprache, die sie sprechen”.
Und doch: jedes bisschen lohnt sich. Jede Wiederholung lohnt sich.
Du möchtest Dir dieses spannende Thema noch mal besser erklären und erzählen lassen? Dann höre Dir meine Podcastfolge hierzu an.
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Bildquelle: pixabay von Stocksnap