Lebensrückblick: Was uns alte Menschen über das Leben wirklich lehren möchten

Die Lektionen der 80-, 90- und 100-Jährigen über Themen wie Beziehungen, Glück, Sorgen oder Zeit

Das Legacy Project von Dr. Karl Pillemer

Manchmal können es gerade die kleinen Dinge im Leben sein, die uns erstaunlich viel Energie kosten: eine kurze Alltagssituation, ein Gespräch, das nachhallt, eine Entscheidung, die sich nicht richtig anfühlt, ein Blick, ein Wort, ein merkwürdige Stimmung. Oftmals einfach etwas, das uns unerklärlich stark beschäftigt oder gar emotional festhält. Aber natürlich gibt es dann auch die großen Themen, die dann wirklich viel Raum und Zeit einnehmen.

Und genau für solche Momente können folgende Fragen den Blick weiten:
Wird mich das in drei Monaten noch beschäftigen? Oder in drei Jahren? Oder in zehn Jahren?
Wie werde ich später auf diese Situation zurückblicken? Wie viel Energie hätte ich ihr rückblickend gern wirklich gegeben? Und welche Entscheidung werde ich im Nachhinein für stimmig halten?

Nicht um das, was JETZT in diesem Moment da ist, abzuwerten oder kleinzureden. Sondern als Frage, die bei der Einordnung hilft und vielleicht auch Orientierung für den weiteren Umgang oder anstehende Entscheidungen geben kann.

Der Lebensrückblick der Älteren macht ein Spannungsfeld sichtbar, das für einen ganzheitlichen Ansatz durchaus bedeutend ist: den langfristigen Einfluss innerer Bewertungen, Prioritäten und Lebensentscheidungen auf Körper und Gesundheit.

Die körperliche Wirkung innerer Perspektiven

Es lässt sich hier tatsächlich etwas sehr Interessantes beobachten: eine veränderte innere Sichtweise wirkt nicht nur auf Gedanken oder Emotionen, sie wirkt letztlich auch auf den Körper.

Wenn etwas innerlich eingeordnet werden kann, zeigt sich das ja oft auch unmittelbar:
Der Atem wird ruhiger, die Muskelspannung lässt nach, das vegetative Nervensystem beginnt sich zu beruhigen. Viele Menschen erleben das als eine Form innerer Kompetenz und als Selbstwirksamkeit, die sich direkt auch körperlich widerspiegelt und somit direkt fühlen lässt.

Aus medizinischer Sicht ist dieses Zusammenspiel gut erklärbar. Anhaltende innere Konflikte, dauerhaftes Grübeln oder das Gefühl, innerlich gegen etwas ankämpfen zu müssen, wirken messbar auf den Körper. Und zwar auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Ganz konkret zum Beispiel im Sinne von:

  • Veränderungen in der hormonellen Stressregulation, zum Beispiel durch eine veränderte Kortisolausschüttung

  • einer verminderten parasympathischen Aktivität, also jenes Anteils des Nervensystems, der für Regeneration, Verdauung und echte Erholung zuständig ist

  • Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, etwa in Form einer erhöhten Herzfrequenz oder eines höheren Blutdrucks

  • messbaren Veränderungen im Immunsystem, unter anderem einer erhöhten Infektanfälligkeit.

Wichtig ist mir an dieser Stelle bei solchen Darstellungen immer eines: Das ist keine Schuldfrage. Kein persönliches Versagen. Es ist einfach eine logische biologische Reaktion auf innere Belastung, insbesondere wenn sie über längere Zeit anhält.

Manchmal braucht Gesundheit Einordnung und das ohne Perfektion.

Gesundheit bedeutet nicht, dass alles immer reibungslos, leicht oder konfliktfrei verläuft, weder auf der körperlichen Ebene, noch auf seelischer. Es ist einfach so: unser Leben ist dynamisch, herausfordernd und durchaus auch kompliziert. Und die gute Nachricht ist eindeutig die, dass unser Körper darauf eingerichtet ist, damit umzugehen.

Und dennoch möchte ich einen Gedanken an diese Stelle setzen: vielleicht könnte man sagen, dass Gesundheit manchmal die Fähigkeit erfordert, zwischen dem zu unterscheiden, was gerade laut und präsent ist, und dem, was langfristig wirklich Bedeutung hat. Um dann entsprechende Entscheidungen treffen zu können, auch im Umgang damit. Und auch um persönliche Klarheit für diese Situation zu finden. Denn daraus kann dann vieles resultieren.

Doch seien wir auch Ehrlich: diese Fähigkeit steht uns nicht immer automatisch zur Verfügung. Manchmal sind Situationen so fordernd, dass sie unsere gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen. In solchen Momenten kann ein bewusster Perspektivwechsel helfen, gerne auch mit Hilfe von außen oder einer Beratung. Um eine andere Sichtweise auf das zu bekommen, was gerade geschieht, und auf das, was für Dich hier wirklich zählt.

Wenn Du Gedanken zu solchen Sichtweisen und Perspektiven gerne ausführlicher hören möchtest, dann höre Dir diese Podcastfolge an: die Erkenntnisse aus dem Legacy Project von Dr. Karl Pillemer. Denn hier wirst Du erfahren, wie 80-, 90- und 100-jährige im Rückblick solche Situationen ihres Lebens bewerten: Apple Podcast | Spotify | Deezer.

Zudem findest Du hier ein begleitendes kostenloses Download PDF mit ausgewählten Lebenslektionen entsprechend des “Legacy Project”, ergänzt durch Impulse und Reflexionsfragen.

Die Kraft der Rückschau für eine andere Perspektive

Was sagen Menschen, die bereits auf ein langes Leben zurückblicken können? Und welche konkreten Ratschläge geben sie uns für unseren Alltag und für unser Leben? Und das nicht theoretisch oder hypothetisch, sondern aus gelebter Erfahrung.

Hier hat der amerikanische Soziologe und Gerontologe Dr. Karl Pillemer mit seinem „Legacy Project“ eine wertvolle Arbeit geleistet. Über viele Jahre hat er Menschen, die 80, 90 oder sogar 100 Jahre alt sind, zugehört und somit Tausende von Interviews geführt. Die Antworten wurden dann analysiert und nach Lebensbereichen und einem “gemeinsamen Nenner” sortiert.

Für alle, die selbst mitten im Leben stehen (mit all den dazugehörigen Entscheidungen, Emotionen, Verpflichtungen etc.), eröffnet diese Arbeit die Möglichkeit, eben von der Perspektive der Rückschau zu lernen.

Für meine Podcastfolge habe ich daraus fünf zentrale „Lebenslektionen“ zusammengestellt, die den gemeinsamen Kern der Aussagen der älteren Menschen widerspiegeln sollen.

1. Beziehung

Kernaussage: Beziehungen sind der wichtigste Faktor für Lebenszufriedenheit, deutlich wichtiger als Erfolg, Status oder Besitz.

In den jahrzehntelangen Interviews mit älteren Menschen zeigte sich immer wieder: Das größte Bedauern am Lebensende betrifft “unerledigte”, belastete oder abgebrochene Beziehungen. Besonders schmerzhaft wurden hier Entfremdungen innerhalb der Familie, aber auch verlorene Freundschaften erlebt.

2. Glück

Kernaussage: Glück ist weniger ein Zustand als eine bewusste Entscheidung und Haltung.

Viele der älteren Interviewpartner beschrieben hier nun, dass Glück nicht als das Ergebnis perfekter Umstände ist, sondern vielmehr eine bewußte Entscheidung. Und das bringt dann die Fähigkeit mit sich, trotz Unvollkommenheit zufrieden zu sein.

Und sie betonten auffallend oft, dass Glück davon abhängt, wie wir mit dem “Unkontrollierbaren” umgehen und wie bewusst wir andererseits gestalten, was tatsächlich in unserer Macht liegt.

Gerade im “Sowohl-als-auch” liegt die Kraft für Glück und Zufriedenheit. Wir können die Schwierigkeiten des Lebens anerkennen und gleichzeitig die kleinen Momente z.B. der Freude, Nähe und Verbundenheit bewusst erleben.

3. Zeit

Kernaussage: Zeit ist unsere wertvollste Ressource. Doch das wird leider oft erst im Rückblick als solche erkannt.

Immer wieder in diesem Zusammenhang über den sogenannten „Middle-Age Blur“ gesprochen: Viele Menschen erinnern sich kaum an die Jahre zwischen 30 und 50, weil sie geprägt waren von Funktionieren, Verpflichtungen und Aktivität in einem stressigen Alltag. Erst im Alter wird deutlich, wie schnell diese Zeit vergangen ist und wie entscheidend es gewesen wäre, bewusster zu wählen, wofür sie verwendet wird.

Zeit, die in bedeutsame Verbindungen und Beziehungen, tiefgehende Erfahrungen, persönliche Entwicklung oder auch in Reisen investiert wurde, empfinden viele Menschen im Rückblick als besonders erfüllend und sinngebend.

Wurden Sie hier gefragt, mit was sie gerne wesentlich weniger Zeit verbracht hätten, dann war auch hier die Antwort recht eindeutig: weniger Zeit mit Sorgen, Perfektionismus oder der Erfüllung äußerer Erwartungen verbracht haben.

4. Sorgen

Kernaussage: Übermäßiges Sorgen gehört zu dem am häufigsten genannten Bedauern.

Auffallend häufig wurde der Wunsch geäußert, sie hätten weniger Zeit damit verbracht, sich Sorgen zu machen. Vor allem über Dinge, die dann letztlich nie eingetreten sind. Oder auch darüber, was andere von ihnen denken.

Die Ratschläge dazu zielten dann auch nicht auf „Sorglosigkeit“ ab, sondern auf bewusstes Planen. Und zwar, aktiv zu handeln, wo wir Einfluss haben und unsere Energie in das zu investieren, was wir tatsächlich gestalten können. Und eben auch: zu akzeptieren, was außerhalb unserer Kontrolle liegt.

5. Bereuen

Kernaussage: Die größte Reue betrifft oftmals nicht das Tun, sondern das Unterlassen.

Man kann sicher festhalten, dass ein jeder Mensch im Rückblick auf sein Leben bereuen wird. Denn das gehört zu einem “gelebten Leben” eindeutig dazu.

Schaut man sich das Thema “Bereuen” thematisch an, dann geht es auffallend oft um versäumte Chancen, mangelnden Mut und unausgesprochene Bedürfnisse. Aussagen wie „Ich habe mich nicht getraut“ oder „Ich habe zu lange gewartet“ tauchen immer wieder auf.

Und wenig überraschend, wenn ich sage, dass folgendes hier deutlich wurde: Wer authentisch, ehrlich und integer lebt, bereut am Lebensende deutlich weniger versäumte Chancen oder unausgesprochene Bedürfnisse.


Heute tun, was morgen zählt.

Es liegt Kraft in diesen Lebenslektionen. Auch weil sie unsere Aufmerksamkeit bewusst verschieben:
Weg von dem, was gerade laut und fordernd ist,
hin zu dem, was zählt, langfristig bleiben und unserem Leben eine Tiefe verleihen kann.

Diese “lessions” zeigen uns, dass wir die Möglichkeit haben, unser Heute so zu gestalten, dass es sich eines Tages möglichst stimmig und sinnvoll für uns anfühlt. Nämlich dann, wenn wir zurückblicken dürfen…


Wenn du die fünf Lebenslektionen der älteren Menschen noch einmal kompakt nachlesen möchtest, kannst du dir hier das kostenlose PDF herunterladen:


Und wenn du die Inhalte lieber hörst und zusätzlich praktische Impulse für den Alltag mitnehmen möchtest, höre dir die passende Podcastfolge hier an: Apple Podcast, Spotify, Deezer

Bildquelle: istockphoto von halfpoint

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